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Zwei Reisende, ein Auto namens Pünktchen und eine Stadt voller Esel

Montag, 10.09.2018

Can you believe, the end is a start? ~ Symfonia, Don't let me go

Nachdem noch die letzten Löcher im Pulli gestopft und die Tiere geknuddelt sind, breche ich, in Begleitung von einem Teil meiner Familie und zu viel Gepäck nach Bremen auf. Die ersten Verabschiedungen liegen hinter mir (es war sehr traurig) und es sollen noch einige folgen. Aufbruch, das eine geht zu Ende, das Abenteuer fängt an. Nach einem ökologisch bedenklichen Kakao bei Starbucks, raffen wir meine Sachen und verfrachten sie in den Bauch von Pünktchen. Mein Bauch hingehen weiß nicht, ob er vor Abschiedsschmerz brennen oder vor Vorfreude kribbeln soll und begnügt sich mit einem Grummeln. Der Motor springt an, Handys klicken und schießen verwackelte Abschiedsbilder, dann verschwinden wir in einer Wolke aus rosa Einhornstaub (oder so). Wir passieren aggressive Autofahrer (die uns fast grundlos den Mittelfinger zeigen), Kuhweiden und etwas, das man fast schon als Berg bezeichnen könnte, bis wir (ohne uns zu verfahren) am Rande der Stadt der Esel ankommen. Von meiner supernetten Begleitung Charlotte, der das Auto gehört und die mit mir in die Einsatzstelle fahren wird erfahre ich, dass die Bewohner Wesels stolz auf den Reim sind und daher ihren Ort mit Eseln zugekleistert haben. Leider werde ich kein Zeuge dieses künstlerischen Spektakels. Dort angekommen, werden wir herzlich von Großeltern und Hund begrüßt. Nach einer Pause wartet auch schon köstliches Essen auf uns und bis in die Nacht reden wir zu viert bei Wein und Kerzenschein. Odin, seines Zeichens hyperaktiver Hund der Familie rennt begeistert durchs Haus und lässt sich streicheln. Ich schlafe im Keller, was schlimmer klingt, als es ist, immerhin habe ich einen komplett ausgebauten Keller für mich(quasi) mit Tischkicker und E-piano im Zimmer. Mein Nachttisch ist gedeckt mit einer Flasche Wasser, einem Glas und einem Apfel. Ich fühle mich wohler als im Hotel :) "bist du mutig wie Merida?" fragt mich die Flasche. Bin ich das? Oder ist die Frage eher, ob Merida wirklich mutig ist? Meine Familie auf den letzten Stand bringend schlafe ich auf der Stelle ein. Ein guter Tag und ein guter Start.

Die Reise geht weiter

Donnerstag, 13.09.2018

I am seeking the courage I left ~ "I have confidence" Sound of Music

Wie aus dem Eintrag davor vielleicht nicht unbedingt klar geworden ist: Wesel ist nicht unsere Endstation. Charlottes Großeltern haben uns netterweise eine Nacht Unterschlupf gewährt, damit der Weg in den Süden nicht zu lang wird. Denn eigentlich werden wir eine Woche auf einem deutsch-französischen Vorbereitungsseminar im Schwarzwald verbringen.
Den zweiten Teil der Reise haben wir heute hinter uns gebracht. Um 10 Uhr morgens fahren wir los, um ca 17:30 kommen wir an. Zwischendurch wechseln wir immer mal den Platz, wenn einer zu müde zum Fahren ist und machen Halt an Raststätten. Unser Picknick (zusammengestellt von Charlottes toller Oma) nehmen wir auf einer fast schon idyllischen Wiese neben der Autobahn ein und nach einem kurzen Waldspaziergang sind wir gleich etwas ausgeruhter. Dennoch kommen wir am Abend ziemlich kaputt in Titisee an (ein Zwischenhalt auf unserem Weg zum Feldberg) und beschließen, in dem gleichnamigen See eine kleine Abkühlung zu nehmen. Wir klettern nicht über die Absperrung, weil die (auch sonst kostenlose) Badestelle geschlossen hat, und wagen uns ins eikalte Nass. Es tut unglaublich gut. Zwar kommen wir durch diesen kleinen Luxus zehn Minuten zu spät in der Jugendherberge an, aber es gibt noch Essen und die Teamer sind zum Glück nicht sauer.
Auf ein paar obligatorische Kennenlernspiele folgt ein freier Abend, während dem ich mich erst noch mit ein paar Franzosen unterhalte und dann relativ schnell schlafen gehe.

Der nächste Tag beginnt früh. Nach dem Frühstück werden wieder Kennenlern- und Sprachlernspiele gespielt. Nachmittags nutzen drei von uns das gute Wetter und gehen nochmal im Titisee baden. Der Tag klingt an einem gemütlichen Lagerfeuer mit spannenden Gesprächen aus.

Die Jugendherberge ist eine echte Jugendherberge mit echten Jugendherbergsbetten, Jugendherbergsessen und schlechtem Wlan :D. Dennoch ist sie schön gelegen - auf Baden-Württembergs höchstem Berg - und es gibt einen Sportplatz, eine Sporthalle und Tischtennisplatten. 

Das Seminar ist eigentlich auch ganz interessant, leider haben wir aber viel der Inhalte auch schon auf unserem anderen Vorbereitungsseminar behandelt. Dafür sind knapp die Hälfte der Teilnehmer Franzosen, zum Französischlernen ist das echt praktisch. Mit zum Teil dezent durchgeknallten Teamer lernen wir das französische Schulsystem, die Sprache und den organisatorischen Kram kennen.

Am Mittwoch gehen wir wandern bei warmem Wetter und Sonnenschein, was anstrengend aber auch schön ist (endlich mal Bewegung :D). Zum Abschluss baden wir im kühlen Weiher und nehmen dann den Bus zurück

Endlich mal da

Dienstag, 18.09.2018

Es heißt, man soll seine Grenzen kennen und dennoch nie aufhören, sie zu verschieben – Adriana Popescu „Ein Sommer und vier Tage“

 

Hallöchen, da bin ich wieder, der letzte Eintrag stammt ja noch aus schon längst vergangener Zeit.

Jetzt bin ich also tatsächlich da, endlich. 16 Tage später als geplant, sind Charlotte und ich in der Einsatzstelle angekommen. Aber wenn ich jetzt da anfangen würde, würde ich euch den wichtigsten Teil vorenthalten.

Eine wirklich noch erwähnenswerte Erfahrung machte ich am Samstag morgen, noch während des Seminars. Sie ereignete sich um 6 Uhr morgens, als ein paar wagemutige Freiwillige in Begleitung zweier wagemutiger Teamer eine Wanderung unternahmen. Ausgerüstet mit einer Tasse Tee und zu dünnen Klamotten kletterten wir zwei Berge hoch. Doch was uns da erwartete, machte die ganze Kälte wieder wett. Pünktlich, als die Sonne sich orange aus den Wolken hervor schälte, erreichten wir die Spitze des Berges. Es war ein super schöner Anblick: Zwischen den Bergen verweilten noch neblige Reste der vergangenen Nacht und die aufgehende Sonne tauchte die umliegende Landschaft langsam in ein goldenes Licht. Nach den obligatorischen Fotos und dem Genuss der Aussicht, machten wir uns wieder auf den Rückweg, der mir durch lustige Gespräche mit coolen Menschen versüßt wurde. Hier noch ein paar der obligatorischen Fotos:

Schafe auf dem Weg Bergeee

Am Tag darauf, ging es dann endlich los. Charlotte und ich verfrachteten unser Gepäck mal wieder ins Auto und kurvten über die Serpentinen ins Tal. Dort folgten wir dann (diesmal haben wir uns sogar verfahren, aber nur ein ganz kleines bisschen) den lustigen gelben Schildern nach Freiburg. Pünktchen mussten wir in einem überteuerten Parkhaus zurücklassen, aber wir konnten abenteurermäßig die Stadt erkunden. Ich, den Stadtführer mimend, musste dabei feststellen, dass ich meine Kompetenzen der Orientierungsfähigkeit stark überschätzt hatte. Nach einiger Zeit des herumirrens (doch, ich war mir echt sicher, dass wir genau da lang müssen), fanden wir dann tatsächlich mal das Münster und (dank einer krassen Stadtführung in meiner Vergangenheit), konnte ich ihr sogar ein paar Sehenswürdigkeiten zeigen. Vor allem an die Bächle konnte ich mich gut erinnern ;). So zogen wir ein bisschen um die Häuser und ließen uns dann im „Goldenen Onkel“ nieder, einem Café und Restaurant am Münsterplatz. Später brutzelten wir unsere Gesichter noch ein Wenig in der Sonne, bevor wir uns auf den letzten Teil der langen Reise wagten.

Den Schwarzwald hinter uns lassend, passierten wir Colmar um dann auf die Vogesen zuzufahren. Aus Schatten wurden Berge, auf denen sich bald Bäume und Weingebiete herauskristallisierten, und schließlich verwandelten sich normale Straßen in kurvige, enge Wege. Wir kamen unserem Ziel immer näher. Nachdem die letzte Kurve geschafft war, erblickten wir endlich den „acceuil“. Die Einrichtung war zu diesem Zeitpunkt leer. Es war wirklich niemand da, bis auf die drei anderen Freiwilligen. Glücklicherweise bekamen wir so aber auch direkt eine Besichtigung und die wichtigsten Sachen erklärt. Ein Segen, wie sich später herausstellen sollte.

 

Bald kam auch schon eine Frau, die Charlotte abgeholt hat (Sie wohnt ca. 6 km weit weg) und ich wurde in meine Wohnung gebracht(dazu später mehr). Viel Zeit zum Auspacken hatte ich nicht (gar keine), da ich gleich in mein Haus eingewiesen wurde. Auf dem Gelände befinden sich neben einem großen Garten drei Häuser, eins für die Kleinsten, eins für die Mittleren und eins für die Großen. In jedem Haus sind normalerweise zwei Freiwillige eingeteilt-ich wurde dem Haus „Didierjean“ zugeordnet, das heißt, ich kümmere mich um die „Mittleren“, also die ungefähr 13-17-jährigen. Nach einer kurzen Führung, kamen auch schon die ersten Kinder von dem Wochenende, das die meisten bei ihrer Familie zuhause verbracht hatten, zurück. Es wurde bunter und lauter. Kurz vor dem Essen ist Fiona, meine Mitbewohnerin angekommen und abends, nachdem die Kinder bettfertig waren, konnten wir endlich in die Wohnung, die Zimmer aufteilen und uns ein bisschen einrichten.

Unsere Wohnung liegt als einzige nicht direkt in dem Haus, sondern quasi nebenan in einem Haus, wo ansonsten nur Gästezimmer sind, das heißt, wir sind ziemlich ungestört. Wir sind der Anlaufpunkt für WLAN, da es das nur in unserem Haus gibt, ebenso wie eine Terrasse und ein Wohnzimmer. Dafür haben wir keinen Ofen...

Mein erster richtiger Arbeitstag begann um halb zwölf mit der Vorbereitung des Mittagessens. Danach ging es in die Ateliers, ich habe zusammen mit Fiona und einer éducatrice eine kleine Gruppe nach unten ins Dorf begleitet(im Auto), wo das Atelier modelage, also Töpfern stattfand. Meine Hauptaufgabe bestand darin, den Einen davon abzuhalten, sich die Tonerde in den Mund zu stecken. Autoritär wie ich eben bin, hat er sich natürlich einen Spaß daraus gemacht, sich nicht um meine Anweisungen zu kümmern, sodass es meistens in einen kleinen Kampf um den Ton ausgeartet ist. Aber am Ende durfte ich dann noch selbst etwas ans Werk und habe eine wunderschöne Schüssel getöpfert :D. Ok, fürs erste Mal war es wohl nicht ganz schlecht. Den Abend über habe ich mich dann mit ein paar Kids angefreundet und sie nach dem Abendessen und Abendkreis ins Bett gebracht. Es war gleich ein relativ anstrengender Tag, da er ziemlich lang war. Noch stehe ich eher im Weg, als dass ich irgendetwas Nützliches beitragen kann.

Heute, an meinem ersten freien Tag ( ;) ), habe ich die anderen Freiwilligen besser kennengelernt, die echt alle supernett sind. Ein geplanter Spaziergang in eine Einsatzstelle in der Nähe wurde uns leider durch einen nicht enden wollenden Regenguss mit Gewitter vereitelt, sodass ich Zeit hatte, unsere Wohnung zu putzen, zu lesen und mit den anderen zu essen und Uno/Stadt-Land-Fluss zu spielen.

Unten findet Ihr noch ein paar Fotos vom Titisee und meinem neuen domicile :)

Baden im Titisee Titiseee von oben Wandern im Schwarzwald Mein domicile Die Aussicht von unserem Gelände

 

„Un, deux, quatre“, Zählen für Fortgeschrittetene

Montag, 24.09.2018

Mi-i-i-i-chaël, Mi-i-i-i-chaël, écoute notre appel - Waldorfgesänge, „Michaël, écoute nous“

 


Es war ein Mal ein Engel namens Michael. Eines Tages wurde er ausgesandt, um den Teufel in der Gestalt eines Drachen zu töten. So zog er mit seinen Engeln aus und es begann ein Kampf im Himmel. Michael besiegte den Drachen, aber stürzte mit ihm gen Erde. Seitdem gilt er als gefallener Engel.

Diese fesselnde Story bildet die Grundlage für die Fête de St. Michel, auf die sich momentan alle fleißig vorbereiten (nach dem Feiertag mehr dazu).

Das vorangestellte, vielsagende Zitat stammt aus einem der gefühlt hundert Lieder über diesen Michael (mit fast identischem Inhalt), die momentan im Chor und im Morgen-/ Abendkreis gesungen werden.

Beim Chor war ich am Freitag und es hat echt viel Spaß gemacht. Wir haben es sogar geschafft im Kanon und zweistimmig zu singen (niemand behauptet, dass es gerade gewesen ist :D), aber die meisten Kinder hatten Spaß und das war echt schön. Am Freitag war ich auch das erste Mal mit in der Schule. Nach dem Chor hatte die Klasse, die ich begleitet habe zuerst Sport, bei dem sie sich auf den Crosslauf, der in nächster Zeit vom Collège in Orbey veranstaltet wird, vorbereitet haben. Danach hatten sie Französisch, was echt anspruchsvoller war, als ich gedacht hätte. Einige der Kids sind echt fit. Ansonsten habe ich viel Zeit im Atelier modéllage verbracht und weitere ansehnliche Stücke getöpfert. Glücklicherweise darf ich die ganze Zeit für mich arbeiten und muss auf niemanden aufpassen. Manche der Kinder machen nämlich, sobald man einmal kurz nicht hinschaut irgendeinen Unfug, vor allem, wenn sie nicht das bekommen, was sie wollen.

Nachdem ich am Samstag noch ein Wenig die Gegend erkundet habe, bin ich um zehn Uhr zu den Kindern gegangen. Dort wurde dann über den Tagesverlauf gesprochen, und jeder durfte vorschlagen, was er gerne machen würde. Auf Wunsch von vier Kids sind wir dann mit ihnen in die Bibliothek gefahren, wo sie sich Bücher ausleihen konnten und wem wollte noch etwas vorgelesen wurde. Als wir wieder nach Hause gekommen sind, gab es auch schon Mittagessen und dann hatte ich Pause. Nachmittags sind ein éducateur und ich mit vier Kindern nach unten ins Dorf gelaufen, weil dort eine Art Dorffest mit dem Thema „Ökologie“ oder so gefeiert wurde. Für den Weg dorthin haben wir aber fast doppelt so lange gebraucht, wie normalerweise, da zwei ein bisschen getrödelt haben. Die beiden waren aber total süß zusammen. Sie haben sehr viel miteinander herumgealbert und die eine macht dem anderen eher alles nach, aber sie hatten sehr viel Spaß. Natürlich musste an jeder Blume gerochen werden, an jedem Busch waren die Tannennadeln „Mama“ oder „Papa“ und auch die Steine am Wegrand waren sehr interessant. Auf dem „Fest“ konnte man viele verschiedene verrückte Fahrräder ausprobieren: Mal große, mal kleine Räder, mit oder ohne Pedalen, im Sitzen oder im Liegen; Für jeden etwas dabei. Wieder zu Hause wurde dann noch eine große Geburtstagsfeier veranstaltet: Es gab zunächst einen Aperétif mit Limo, Saft und Essen, dazu Musik und Tanz. Anschließend wurde richtig zu Abend gegessen (Boudin, so eine nicht ganz so leckere Wurst aus Schweineblut) und Geschenke ausgepackt. Zum Nachtisch gab es einen super leckeren Kuchen mit drei Stockwerken und sehr viel Schokolade :D. Nach dem Abwasch konnte ich dann gehen, während der Rest der Gruppe noch weitergefeiert hat. Es war ein langer und anstrengender, aber auch ziemlich schöner Tag. Vor allem, weil ich jetzt mal den Ablauf am Wochenende kennengelernt habe.

Bei uns in der Wohnung läuft es auch super: Ich hab das erste Mal Wäsche gewaschen und es macht irgendwie Spaß selbst zu kochen.

Ich fühle mich schon fast wie zu Hause, Fiona ist mega nett und auch die anderen Freiwilligen hier sind total cool.

 

Hier noch ein paar spannende Fakten rund um das Leben bei uns:

 1. In dem Schrank in unserem Wohnzimmer sind Wander- und Radkarten, aber auch ein Ausmalbuch und Knete

2. Wir trinken aus Marmeladengläsern, weil die anderen Gläser zu klein sind.

3. Das Internet geht andauernd kaputt (deshalb gibt es diesen Eintrag auch einen Tag später als geplant).

4. Wir bekommen jeden Dienstag und Freitag frisches (leckeres) Brot aus der hauseigenen Boulangerie geliefert (diesen Freitag gab es sogar ein Brioche).

5. Ich bin zu klein, um das Dachfenster in meinem Zimmer auf oder zu zumachen, darum muss ich dafür immer dagegen springen.

 

Wer Fragen oder Anmerkungen hinterlassen möchte, oder einfach mal Hi sagen will, kann gerne die Kommentarfunktion verwenden, ich freue mich über jede Nachricht aus der Heimat :).

 

 

Abendstimmung

 

 

Tschüss sagt der Sommer

Montag, 24.09.2018

What's a miracle if life itself is not? - Kamelot, "Anthem"

Nun fegt der Sturm den Sommer weg und Wind und Regen vertreiben die restlichen sonnigen Gedanken. Bis vorhin hat es hier ziemlich heftig gewittert, in der Wohnung wurde es mit dicken Socken und einem heißen Tee richtig gemütlich. Den Rest von etwas, das sich Sommer nannte, haben wir heute (also jetzt schon gestern; wie gesagt, das Internet spinnt manchmal...) zu viert in Colmar verbracht. Mit dem Auto haben Charlotte und ich zwei Freiwillige von einer anderen Einsatzstelle auch in der Nähe von Orbey abgeholt und zusammen sind wir in die Stadt gefahren. Wider Erwarten waren trotz des Sonntags einige Geschäfte offen (alle Touristenläden) und wir haben nach einer Weile Stadtbesichtigung auch ein Restaurant gefunden, in dem wir Flammkuchen gegessen haben. Es war ziemlich schön-in Colmar stehen auch echt viele schöne Häuser herum. Auf dem Weg zurück konnten wir dann schon sehen, dass es in den Bergen regnet. Das sah schon ziemlich schön aus. Kaum waren wir zu Hause, hat es dann auch angefangen zu gewittern und richtig stark zu regnen. Also haben wir es uns alle in unserer Wohnung gemütlich gemacht, zusammen gekocht und noch ein bisschen geredet.

Wenn es gegenüber regnet und bei Dir die Sonne scheint Colmar   La cathédrale 

P.S.: Meine Töpferkunst verweilt gerade im Ofen, aber sollte ich sie jemals wieder zu Gesicht bekommen, werde ich euch natürlich mit einem Bild davon beglücken ; )

 

Combat et victoire

Montag, 01.10.2018

Combat et victoire, combat et victoire, guide nous, Saint Michaël – Waldorfgesänge, „combat et victoire“

 

 

Rezept für ein St.Michel-Lied:

Man nehme:

- eine eingängige Ohrwurmmelodie

(möglichst aus vielen moll-Akkorden)

- einen Text in dem irgendwas mit Drachen und Kampf vorkommt

Für echte Profis:

- im Kanon singbar

Zu einem Lied vermengen

Voilà!

 

Wie bestimmt schon mit großer Vorfreude erwartet, der Bericht über die Fête de St. Michel:

Zunächst einmal sind wir am Mittwoch Morgen viel zu früh aufgestanden, um dann herauszufinden, dass wir erst um 13.30 da sein müssen. Also hatten wir noch ein bisschen Zeit, doch noch den Abwasch zu machen und uns noch eine Scheibe Brot in den Mund zu schieben. Als es dann soweit war, fand eine réunion (Besprechung) aller éducs statt, bei der die letzten, wichtigsten Abläufe noch einmal durchgegangen wurden. Schließlich wurden die Kinder und das Gepäck in Autos verfrachtet und wir sind ungefähr eine Stunde durch die Berge gekurvt. Ausgeladen wurde alles bei einer Hütte in der (mehr oder weniger) Einöde und schon bald ging es los zum ersten „Spaziergang“. Mal zwei, mal eins, mal kein Kind an der Hand die Steigungen hinauf zerrend, sind wir durch die Berge spaziert. Gelernt haben wir dabei das Wort für Steinbock, (beziehungsweise Gams, wie ich hinterher herausgefunden habe) (welches ich euch selbstverständlich nicht vorenthalten will: es heißt Chamois) und gesehen haben wir davon auch welche (Foto liegt bei). Auf dem Rückweg hat sich der Himmel wunderschön verfärbt und die Bergspitzen in rotes Licht getaucht. Zum Abendessen gab es Raclette, Wein und Salat, wovon wir uns den Bauch vollgeschlagen haben, weil wir von der Wanderung so großen Hunger hatten. Die Stimmung war richtig gut. Alle Kids und alle éducs waren super gelaunt, es wurden Witze gemacht und viel gesungen. Dadurch wurde alles irgendwie familiär und gemütlich. Bald war es Abend und die Kinder wurden ins Bett gebracht. Fiona und ich (müde und darauf eingestellt am nächsten Tag früh aufzustehen) sind auch relativ früh schlafen gegangen und mussten dafür leider das verlockende Angebot ausschlagen, mit den éducs noch Whiskey zu trinken. Eine Entscheidung, die uns noch den gesamten nächsten Tag vorgehalten wurde. Die Schlafräume in der Hütte waren groß, die Betten eng aber davon viele in einem Raum, sodass es sich begab, dass Fiona und ich mit den drei Mädels und allen weiblichen éducs in einem Raum schliefen. Sammy*macht gerne mal Geräusche wie ein Elefant („Sachschnabel“) und hat uns damit eine Weile wachgehalten. Auch die mittlerweile noch besser gelaunten éducs unten im Esszimmer haben viel gelacht, aber wir waren ohnehin darauf vorbereitet, nicht allzu viel Schlaf zu bekommen.

Selfiee Un petit camois

Entsprechend haben wir uns auch am nächsten Morgen gefühlt, als es um halb sechs hieß: Aufstehen, die Sonne ruft. Also haben wir uns in Schale geworfen, einen Kaffee getrunken und die Kinder geweckt. Da uns die Wettervorhersage 3 Grad und kälter prophezeit hatte, sind wir natürlich inuitmäßig vor die Tür getreten, nur um dann festzustellen, dass drei Pullis, Winterjacke, Schal und Mütze bei lauwarmen 15 Grad vielleicht doch etwas übertrieben sind. Doch am Himmel war schon ein rötlicher Streifen zu sehen, deshalb blieb keine Zeit, den überflüssigen Ballast noch abzuwerfen. So sind wir dann losgestiefelt, den Berg hinauf, der Sonne entgegen. Nach zwanzig Minuten hatten wir einen geeigneten Platz erreicht, wir ließen uns am Wegesrand nieder, um in (mehr oder weniger) einträchtigem Schweigen auf die Sonne zu warten . In der Ferne der Schwarzwald (der bläulich erscheint, weil in der Luft Wassertropfen und andere kleine Partikel sind ; ), ansonsten umgeben von den wunderschönen Vogesen, lauschten wir den harmonischen Klängen der Kuhglocken auf der Weide neben uns und sahen dem Himmel beim sich-verfärben zu. Bald tauchten die ersten Sonnenstrahlen hinter der Bergkette des Schwarzwaldes auf und wir begrüßten sie mit unseren morgendlich verkratzten Stimmen. Die Lieder schafften gemeinsam mit dem morgendlichen Licht eine feierliche Stimmung. Etwas weiter unten hatte sich auch die Gruppe von St. Jean (dem Haus mit den größten Kindern) eingefunden, die bei uns in der Nähe in einer anderen Hütte übernachtet hatten.

auch der Mond ist noch da

Nach dem Rückweg und einem ausgiebigen Frühstück ging es dann los auf die große Wanderung. Schon bald wurde klar, dass alle viel zu warme Klamotten anhatten - in der Sonne waren es sommerliche 24 Grad. Da war ich wohl etwas voreilig mit „Tschüss Sommer“ :D... Die Aussicht war jedenfalls bombastisch. Von weit oben, dem Gipfel des Hohneck blickten wir auf die umliegenden Berge und den Lac de Schiessrothried (keine Ahnung, wer sich diesen Namen ausgedacht hat...). Während des gesamten Weges hatte ich von den ganzen St.Michel-Liedern einen penetranten Ohrwurm nach dem anderen. Um die Kinder zu motivieren haben wir diese aber auch andauernd gesungen. Nachdem der Gipfel bestiegen und die Sandwichs verspeist waren, fingen dann die Spiele an, bei denen Mut und Geschick gefragt waren. Begonnen mit dem Bau eines Turmes aus Steinen am Wegesrand und dem Errichten eines Totems zum Schutz vor dem Drachen, ging es über ein paar Geschicklichkeitsparcours zum Bogenschießen. Dazu hatten die éducs sehr liebevoll einen gefährlichen Drachen auf eine Leinwand gemalt. Dieser war allerdings verborgen hinter Luftballons und kam zum Vorschein, als sie zerschossen wurden. Das durfte jeder ein oder mehrere Male ausprobieren und letztendlich wurden alle Ballons zerstört (Die Leinwand hat auch dezent darunter gelitten - ich war die erste, die einen Pfeil da durchgejagt hat...ups). Das war auch die letzte Etappe, danach wurden die meisten Kids mit dem Auto nach unten gefahren. Nur Fiona, ein paar éducs, zwei Jungs und ich sind gelaufen. Plötzlich ging der Weg auch ganz schnell, wenn man nicht alle zwei Minuten stehen bleiben musste, um ein paar Blätter vom Baum zu zupfen :D. Zurück bei der Hütte sind wir dann direkt ins Auto gestiegen und nach Hause gefahren. Die Fahrt war sehr witzig, wir waren mit zwei Erziehern und einem Jungen im Auto, der alle Lieder auf der CD „mitgesungen“ und sich total über die Musik gefreut hat. Uns hat er natürlich auch dazu animiert, mitzusingen, leider kannten wir kaum den Text, haben trotzdem kräftig gefeiert, was den éducs gleich wieder die Bemerkung „Ihr seid nur nicht müde, weil ihr so früh schlafen ward“ entlockt hat. Dabei waren wir unglaublich müde. Die ganzen Stunden des Aufpassens, des Laufens und des Singens forderten ihren Tribut.

Irgendwann kamen wir auch mal in Didierjean an, wo es gleich Abendessen gab und wir daraufhin müde und geschunden in unsere Wohnung zurückgekehrt sind. Fast wie nach Hause kommen : ). Glücklich waren wir aber auch. Und St. Michel hat seinen Sinn erfüllt. Er gibt Mut, die dunkle Jahreszeit zu überstehen, den Mut in sich selbst zu finden. Diesen Mut wünsche ich euch allen, in dem Sinne: Happy St. Michel (welches im übrigen eigentlich am 29. ist), bon courage!

 

 

*Falls jemand den Film Sammys Abenteuer kennt: Sammy hier erinnert mich immer an eine Schildkröte: süß, tapsig und unglaublich langsam:D (ich ändere mal die Namen, damit ich nicht verklagt werde (man weiß ja nie))

 

 

P.S.: aufgrund des Internets, dieser Bericht wieder später als geplant, excusez moi

 

 

 

Mein Alltag, meine Freizeit und der ganze Rest

Montag, 08.10.2018

Herbsttage können, wie das Leben selbst, hin und wieder unberechenbar sein – Christoph Marzi; „Memory – Stadt der Träume“

Am Freitag(, den 28. September), so dachte ich, habe ich die unangenehmste Erfahrung bisher gemacht. Am Mittwoch wurde mir klar: Schlimmer geht immer.

Besagter Freitag war ein anstrengender Tag: Nach St. Michel waren die Kids müde von der Wanderung, unausgeschlafen von der Nacht davor und gleichzeitig aufgeregt, weil das Sortie-Wochenende anstand, an dem sie nach Hause zu ihren Familien fahren konnten. Mittags hat das bisher so ziemlich liebste Kind einen Wutanfall bekommen und auf alle seine Kuscheltiere und sein Bettzeug eingeschlagen. Auch in der Schule war wenig mit allen anzufangen. Zwei derer, mit denen ich arbeiten solle, haben sich über das Fischen unterhalten und Einer hat im Sitzen geschlafen. Dann, nachmittags hat sich Sammy (von der ihr jetzt noch des Öfteren hören werdet, wie es aussieht) in die Hose gemacht. Ich habe die Aufgabe bekommen, sie auf die Toilette zu bringen und umzuziehen. Gesagt getan. Von den anderen éducs habe ich mir abgeschaut, immer die Tür zu zumachen, wenn die Kids auf Toilette sind, um ihnen die Privatsphäre zu gewähren. Nachdem ich es dann aber drei mal spülen gehört habe, habe ich vorsichtig nachgeschaut. Sammy stand in einem überfluteten Bad, den Pullover tropfend in der rechten Hand und hat mich lachend angeschaut. Ja, es ist ein Heidenspaß, den Pulli ins Klo zu tauchen und drei Mal zu spülen. Nein, es ist kein Spaß, das Ganze hinterher sauber zu wischen. Ich, komplett überfordert, bin nach unten gerannt, um der zuständigen éduc Bescheid zu geben. Sie hat mir daraufhin einen Wischmopp in die Hand gegeben und das Mädchen angeschrien. Kurz darauf wurde diese (zum Glück) von ihrer Mutter abgeholt. Völlig fertig von dem Tag, haben wir uns Abends noch alle zum Cookies backen getroffen.

Am Samstag war ich mit Charlotte, Katharina und Fiona in Colmar, wo wir lange nach einem Second-hand Laden gesucht haben. Dabei konnten wir gleich ein etwas heruntergekommeneres Viertel erkunden, wobei wir herausgefunden haben, dass un dépôt-vente sowohl ein Klamottenladen, als auch ein Gebrauchtwagenhändler sein kann. Leider sind wir auch nach einer Stunde nicht schlauer geworden, ob tatsächlich noch ein solcher Laden existiert oder nicht. Deshalb haben wir irgendwann aufgegeben und in einem chinesischen Restaurant unsere Fähigkeiten des Stäbchenessens perfektioniert (mehr oder weniger). Bis auf zwei andere Gäste, waren wir die einzigen Nicht-Asiaten, aber das ist ja an sich ein gutes Zeichen. Das Essen war auch echt ganz gut.

Den letzten Tag des Septembers hatte ich glücklicherweise auch frei, sodass wir einen Künstlermarkt in Labaroche besuchen konnten. Mit den restlichen Tankreserven haben wir uns zu viert (Linnéa, Fiona, Charlotte und ich) die kurvigen Straßen hinauf geschlängelt. Der Markt (welcher leider innen stattfand) war sehr niedlich. Künstler und Bauern aus der Region haben dort ihre Waren verkauft, neben Obst und Gemüse gab es unter anderem Lederwaren, Schmuck und Fotografien zu bestaunen und zu kaufen. Zurück daheim haben wir uns zu dritt, nach einem superleckeren Essen, auf einen Spaziergang gewagt. Es war mal wieder schön warm und sonnig, weshalb wir beschlossen haben, ein Picknick zum Abendessen zu machen. Die Stullen geschmiert, die Karotten geschnitten sind wir „pünktlich“ zum Sonnenuntergang zu einer Wiese mit recht gutem Ausblick spaziert. Dort haben wir uns niedergelassen und unser Leben genossen. Magnifique!

Der Oktober wehte kühl herein, weshalb wir wenig Zeit draußen verbracht haben. Ich hatte mal wieder frei (das braucht man aber auch nach so manchem Freitag) und konnte endlich das Klavier ausprobieren. Ich darf das der Schule benutzen (die circa 50 Schritte von uns entfernt ist) und zunächst fühlte es sich seltsam an, in der großen Aula so ganz alleine Klavier zu spielen. Aber dann habe ich einfach gespielt. Und dabei gemerkt, wie sehr mir das gefehlt hat. Linnéa hatte gleichzeitig frei, sodass wir uns anschließend einen gemütlichen Nachmittag im Warmen gemacht haben.

Am Dienstag hatten wir eine interessante Dienstbesprechung, bei der mit Psychologen und einem Arzt über einzelne Kids gesprochen wurde. Dabei habe ich Dinge erfahren, die das Verständnis des Verhaltens einiger etwas erleichtert. Zum Teil müssen die Kinder nicht nur mit ihren Einschränkungen kämpfen, sondern haben zusätzlich noch schwierige familiäre Hintergründe. Was ich sehr schön zu beobachten finde, ist die ausführliche Beschäftigung mit jedem Einzelnen. Das ganze Team gibt sich große Mühe, die Kids so gut wie möglich zu fördern.

Hätten wir am Tag der deutschen Einheit auch in Frankreich einen Feiertag, wäre alles ganz anders gekommen. Aber leider fanden die Franzosen den 3. Oktober wohl nicht eines freien Tages würdig. Und so machte ich mich am Mittwoch frohen Mutes auf den Weg zu einer Dienstbesprechung, doch auf halbem Weg wurde ich abgeordnet, die garde de sieste, also die Mittagswache zu übernehmen. Gemeinsam mit einem (auch noch ziemlich neuem) éduc, habe ich mich also ins Büro bequemt, von dem aus wir aufpassen sollten, dass die Kids nichts anstellen. Der erste Zwischenfall ereignete sich circa eine halbe Stunde nach Beginn der Pause: Zwei Zimmergenossen gerieten in einen Streit, der darin ausartete, dass eine Flasche zerbarst und sich eine große Pfütze im Zimmer bildete. Doch es blieb keine Zeit zu Erholung. Sammy hatte unterdessen die Toilette mit ihrem Stuhl vollgeschmiert (und sich selbst auch zum Großteil), und das sauber zu bekommen war eine wirklich unangenehme Aufgabe. Hilfe hatte ich glücklicherweise von dem anderen éduc, aber auch er hat ziemlich geflucht. Wir waren heilfroh, als die eineinhalb Stunden um waren, und die anderen éducs von der Réunion zurückgekehrt sind. Der Zwischenfall wurde mit Humor genommen. „So kennen wir Sammy“ und noch schlimmere Geschichten wurden ausgepackt.

Der Donnerstag und Freitag verliefen dagegen harmlos. Im Atelier habe ich fleißig Laternen für die St.Martins-Deko getöpfert, in der Schule Kinder zum Rennen animiert und zwischendurch mit den Kinds herumgealbert oder geschimpft...

Ich muss sagen, dass ich mich mittlerweile (bis auf ein paar Ausnahmen) schon an die Arbeit gewöhnt habe. Man wächst in seine Aufgaben hinein. Die Kinder sind auch alle ziemlich toll. Schon lange sehe ich sie nicht mehr als „behindert“, sondern eben als Sammy oder Pistache (über ihn mehr im nächsten Eintrag). Wir wissen auch bei den Wenigsten die tatsächliche „Diagnose“, was ich für den Anfang sehr gut finde, weil es vereinfacht, dass ich mich den Kindern unvoreingenommen nähern kann.

 

Zum Schluss noch ein paar Fotos: )

Künstlermarkt Labaroche Blume in Labaroche Spaziergang pique-nique auf der Wiese

 

Über den Wolken

Donnerstag, 11.10.2018

Auf dem Weg werden dir Menschen begegnen, die dich verwandeln, öffnen, entstauben“ Katie Kacvinsky; Maddie – immer das Ziel im Blick

 

Es ist dunkel in Les Allagouttes. Am Himmel blinzeln die Sterne, irgendwo bellen Hunde, ansonsten ist es still geworden. Die Kinder liegen (fast) alle friedlich in ihren Betten und schlafen hoffentlich. Hinter mir liegen zwei ereignisreiche, spannende freie Tage.

Davor erstmal ein kleines Spotlight des Wochenendes (welches ich großteils gearbeitet habe): Am Freitag hatten wir sehr netten Besuch aus Colmar von zwei anderen Freiwilligen, die hier übernachtet haben und am Samstag wieder zurückgefahren sind. Mit einem éduc und ein paar Kids bin ich (Samstag) Nachmittag nach Kaysersberg (welches übrigens trotz des deutschen Namens in Frankreich liegt) auf einen Waldorf-Markt gefahren. Am Tag darauf haben Fiona und ich mit einem anderen éduc und ein paar Kids einen Spaziergang in den Bergen gemacht. Das war richtig schön. Leider wurde ich die ganze Zeit in ein Pferd, ein Kaninchen oder eine nicht sprechen könnende Person verzaubert, aber glücklicherweise konnten die Sprüche allesamt rückgängig gemacht werden.

Montag war ein wundertoller Tag! Als erstes war ich in einer Wolke. Also Les Allagouttes war in einer Wolke und ich war eben in Les Allagouttes. Wie man es nimmt. Jedenfalls ist diese Wolke nach kurzer Zeit weiter Richtung Boden gewandert und plötzlich war ich über den Wolken (ich kann euch sagen, die Freiheit ist hier so grenzenlos wie darunter auch), welche von der morgendlichen Sonne angestrahlt wurden. Richtig motiviert bin ich joggen gegangen (eine kleine Bemerkung am Rande: joggen in den Bergen ist schwerlich ein Vergnügen, da entweder der Berg bezwungen werden muss, was unglaublich anstrengend ist, oder es bergab geht, was ungefähr genauso viel Sinn ergibt, wie Elektrofahrrad fahren. Falls also jemand Tipps zum Joggen in den Bergen hat, dürfen diese gerne in den Kommentaren hinterlassen werden;) ). Oben auf dem Berg war die Aussicht noch etwas fantastischer, da konnte ich meinem Fotozwang nicht widerstehen. Die wunderbaren Exemplare werde ich euch natürlich nicht vorenthalten.

Die Kuh über dem Nebelmeer

Nach einer kurzen Klavier-Session sind Charlotte, Mathea, Linnéa und ich nach Colmar gefahren, um ein bisschen zu bummeln und ein bisschen weniger Tourist zu sein-immerhin sind wir ja jetzt Einheimische. Zum Mittag haben wir uns (natürlich nur aus genau diesem Grund) zwei Baguettes und Käse gekauft, die wir auf einer Bank in der Altstadt genossen haben. Irgendwann war dann unser Parkticket abgelaufen, deshalb haben wir uns auf die Suche nach dem Auto gemacht (keine Angst, wir haben es gefunden), sind kurz nach Hause gedüst und von dort aus ging es direkt weiter nach Sucenord (das ist der Bauernhof, der auch zu der Einrichtung gehört, aber ca. 7km von Les Allagouttes entfernt ist). Dort haben wir die (sehr alten, vom Schlachter geretteten, aber sehr süßen) Pferde geschnappt und einen Ausritt im Wald gemacht. Bei untergehender Sonne trafen wir auf ein Maultier oder einen Maulesel und ein paar Kühe, und konnten dabei sogar manchmal traben :D. Auf dem Rückweg war es schon ziemlich dunkel, also haben wir die Pferde zu den Eseln und ihren restlichen Kumpels auf die Weide zurückgebracht und sind in Charlottes Wohnung gegangen, um Nudeln zu kochen. Dazu haben wir eine äußerst appetitlich aussehende Mischung aus Ei und Aubergine gezaubert und sind damit auf den Heuboden gegangen. Dort haben wir es uns gemütlich gemacht und begleitet von dem harmonischem Geklingel der Kuhglocken gegessen und geredet. Es war super schön. Irgendwann hat Charlotte gesehen, dass ein Ferkel ausgebrochen ist. In einer semiprofessionellen Rettungsaktion, haben wir herausgefunden, dass Ferkel richtig laut kreischen können. Dementsprechend blieb sie auch erfolglos. Letztendlich ist das Schweinchen in einen anderen Stall geschlüpft, sein weiteres Schicksal sollten wir nicht mehr erfahren. Da es nun auch langsam kalt geworden war, haben wir uns Auto Pünktchen geschnappt und sind bei offenem Dachfenster unter den Sternen nach Hause gerauscht. In der wohligen Wärme der Wohnung ging der Tag zu Ende.

Danke für die Fotos, Charlotte

Auf Montag folgt bekanntlich Dienstag, welchen ich (nach einem Frühstück) mit einem Spaziergang gemeinsam mit Fiona begonnen habe. Es war ein super schöner Weg, mit zum Teil toller Aussicht. Nach einem Mittagessen und einem Einkauf beim Intermarché, haben Charlotte und ich Geige und Oboe gespielt. Endlich mal wieder zusammen Musik machen! Irgendwann sind wir in die Schule in den großen Saal gegangen, wo Mathea schließlich auch noch zu uns gestoßen ist und zu dritt haben wir ein (superschönes) Stück für Cello, Geige und Klavier ausprobiert. Klar, es braucht wohl noch etwas Übung, aber für den Anfang war es nicht mal schlecht :D. Bald hatten wir wieder Hunger (ich habe gefühlt ständig Hunger) und so haben wir uns den Bauch mit Reis und Gemüse vollgeschlagen und sind dann zu Linnéa und Kathi rübergegangen, wo wir Charlotte und mir die Haare geschnitten haben. Es sieht besser aus, als es klingt! Wir haben uns extra eine Stoffschere gekauft und für das erste Mal hat das Schneiden super geklappt. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Frisur :). Leichten Hauptes bin ich zurückgekehrt und nach einem schönen Telefonat ins Bett gefallen. So war das.

Jetzt habe ich euch aber garnichts über Pistache erzählt, obwohl ich euch das doch versprochen habe. Also, Pistache (übersetzt Pistazie) heißt Pistache, weil er immer diesen „lustigen“ Witz mit „tu as une tâche là - pistache“, macht. Wer ihn nicht versteht, nicht schlimm, ist nicht so witzig. Aber Pistache ist ultra cool. Er erinnert mich immer an einen Welpen (ich finde Pistache ist auch irgendwie ein Hundename:D ), weil er unglaublich aufgedreht, aber auch neugierig und niedlich ist. Pistache redet wie ein Wasserfall und so undeutlich, dass selbst die éducs Schwierigkeiten haben, ihn zu verstehen. Ansonsten ist er aber echt fit. Er war auch der, der mich auf der Wanderung verwandelt hat, er hatte sehr viel Spaß dabei...

 

Positiver Plogeintrag

Dienstag, 16.10.2018

"The one and only way to catch; the beauty of the dawn; is to take a picture; of the growing sun" - Edguy; Scarlet rose

 

 

 

Der Frühling nähert sich auf leisen Sohlen: Im Wald zwitschern fröhlich die Vögel, Blumen und bunte Bäume räkeln sich in der warmen Sonne und im Supermarkt grinsen mich glückliche Weihnachtsmänner an. Warte, irgendetwas läuft hier falsch. Gerüchte gehen um, „Klimawandel“, heißt es - aber zum Glück ist das ja nur eine Erfindung Chinas!

Bei den ganzen Schlimmen Dingen, die tagtäglich da draußen, um uns und in uns passieren, ist es immer wieder aufs Neue wichtig, sich an den positiven Dingen zu erfreuen. Ein glückliches Kind, das frühmorgens aus dem Bett hüpft, mir froh in mein müdes Gesicht strahlt und meinen ganzen Tag damit erhellt. Der freitagmorgendliche Chor, bei dem ich mich umdrehe und ein sonst stilles, kaum sprechendes Kind, wach und begeistert mitsingen sehe. Große Kinder, die den Kleinen beim Schuhe anziehen, ins Auto steigen, oder frisieren helfen. Es ist rührend zu beobachten, wie sich manchmal die Kinder rücksichtsvoll umeinander kümmern. Auch die Zeiten, in denen ich für mich bin, in denen ich am Klavier oder auf einem Spaziergang meine Reserven wieder aufladen kann, geben mir viel. Am Donnerstag, bei nebligem Wetter, habe ich einen solchen Spaziergang gemacht und die unglaubliche Landschaft genossen. Ebenfalls am Donnerstag habe ich mit Fiona unglaublich leckere Pfannkuchen gebacken, die nur noch mehr zu meinem Glück beigetragen haben ;).

Ein magischer Wald We're riding the wind; to reach the golden dawn petit champignon Und ein kleiner Abendspaziergang

Über das Wochenende waren nur vier Kinder aus den anderen Häusern da, weil wieder Sortie-Wochenende war, also alle anderen nach Hause fahren konnten. Bei den Vier ist die Situation zu Hause jedoch so schwierig, dass sie hierbleiben müssen. Für ein bisschen Aufmunterung sind wir am Samstag Nachmittag ins Kino gegangen, haben „Jonny English“ auf Französisch geguckt und sind hinterher Pizza essen gegangen. Sonntag sind wir wieder viel spazieren gegangen und haben das warme Wetter genossen. Was danach passiert ist, erzähle ich euch später, es würde sonst den schönen, positiven Plogeintrag ruinieren. Somit schließe ich ab: Einen dankbaren Dienstag für alle! 

 

 

Was danach geschah

Mittwoch, 31.10.2018

So etwas wie schlechte Menschen gibt es nicht. Wir sind bloß Menschen, die manchmal schlimme Dinge tun.“ Colleen Hoover; Nur noch ein einziges Mal

 

Nun habe ich euch lange genug auf die Folter gespannt – den Cliffanger ordendlich ausgedehnt – die Fortsetzung und Beschreibung der dramatischen Ereignisse folgt:

Besagter Sonntag sollte sich nämlich nach einem Spaziergang um 180° wenden. Die fröhliche Stimmung einer gespannten Atmosphäre weichen. Kurz: ziemlich beschissen werden. Dabei schien sogar die Sonne. Und alle waren glücklich (wie sollte das auch anders sein, nach meinem vorherigen Blogeintrag ;) ).Doch dann der schwere Schlag: Fionas Handy taucht in in den Händen des 16-jährigen Schornstein* auf, nicht so unversehrt, wie zuerst erhofft. Hatten wir den Verlust zunächst auf Schusseligkeit oder eine unordentliche Wohnung geschoben, so wurde jetzt klar: wir waren Opfer eines professionellen Einbruchs geworden. Am Samstag Morgen, während ich friedlich auf dem Sofa meine Magen-Darm-Infektion ausschlief, war das Gangster-Duo** in unsere Wohnung eingedrungen (selbstverständlich war nicht abgeschlossen gewesen) und hatte Fionas Handy entwendet. Schornstein, welcher sein Talent im Hacken leider nicht auf legale Weise zum Ausdruck bringen kann, hat (wie auch immer) Sprache und Sperrmuster des Telefons verändert und sämtliche Bilder gelöscht. Dabei kann er nicht mal richtig lesen und schreiben. Bald stellte sich heraus, dass zudem noch die SIM-Karte fehlte, welche glücklicherweise kurz darauf in den Händen des Jungen aufgetauchte. Das alles war so unerwartet, dass es uns ziemlich geschockt hat. Zum Glück war der Erzieher da, der einen guten Draht zu ihm hat, sodass er schnell viele Informationen aus ihm herausbekommen hat. Über deren Richtigkeit lässt sich allerdings nur spekulieren. Letztendlich hat sich doch noch alles zum Guten gewendet: SIM-Karte und Handy wurden wieder zusammengeführt und entsperrt und die Fotos waren in der Cloud gespeichert (da sieht man mal, wozu sowas doch gut sein kann...). Dennoch nagten wir lange an diesem Vorfall: Unsere Wohnung ist relativ weit von den anderen Häusern entfernt und bis zu dem Zeitpunkt hätten wir uns im Traum nicht ausmalen können, dass eines der Kinder dort einbrechen könnte. So entschieden wir uns, unsere Freiheit zugunsten der Sicherheit einzuschränken und immer, immer abzuschließen. Auch wenn Schornstein auf Surcenord und damit weit genug weg wohnt. 

Hätte mich vorher jemand gefragt, was der schwierigste Teil der Arbeit hier sein würde, wäre mir als erstes so etwas wie Pflege (also duschen und so) eingefallen. Heute weiß ich, dass das der entspannte Teil ist. In Wirklichkeit kann nämlich fast jedes Kind diese Sachen selbst machen und wir müssen sie nur daran erinnern. Das, was mich gerade am meisten fordert, ist mit der ständigen unterschwelligen oder oberschwelligen Aggression umzugehen. Kinder werden zum Teil beschimpft und einige wehren sich vehement gegen Autorität. Es ist vor allem schwer, als „Neue“ akzeptiert und als Autorität wahrgenommen zu werden. „Ist mir doch egal, ich mache, was ich will und du hast mir nichts zu sagen“, ist eine Lebenseinstellung, die vor allem die autonomen*** Kinder haben. Was ja auch in diesem Alter normal und verständlich ist, aber dennoch auf Dauer (vor allem, wenn viele auf einem Haufen sind), sehr anstrengend sein kann. In anderen Häusern kommt es tatsächlich auch häufiger als bei uns zu körperlichen Auseinandersetzungen, bei denen aber selten wir Freiwilligen integriert sind. Nach langen Tagen bin ich sehr aufgeladen und angespannt. Doch man lernt, damit umzugehen.

 

 

*Was vielleicht ein bisschen fies ist: ich habe Schornstein nach seinem Rauchverhalten benannt, weil er Wutanfälle bekommt, wenn er nicht seine verschriebenen zwei Zigaretten pro Tag bekommt. Unter seinem Bett findet man häufig Berge an gestohlenen Zigaretten...

Schornstein wurde von obdachlosen Eltern geboren, abgegeben und von Kinderheim zu Pflegefamilie hin und her gereicht. Er ist schon in früher Kindheit mit Gewalt und Kriminalität in Kontakt gekommen. Ich denke, das erklärt vieles. Auch, warum er in den Ferien und am Wochenende nicht nach Hause darf. Er hat kein anderes. Da bin ich nochmal dankbarer für alles, was ich habe.

**bestehend aus Schornstein und seinem Komplizen

***die selbstständigen Kinder

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